Fritz Westmeyer

Auf der Jahreshauptversammlung am 15. Dezember 2017 beschloss der Verein Waldheim Gaisburg, seinen Namen durch die Unterbezeichnung „Friedrich-Westmeyer-Haus“ zu erweitern.  Wir wollen damit an den Begründer der Waldheim-Idee in Stuttgart erinnern.

Den folgenden Beitrag über das Leben und Wirken von Fritz Westmeyer verfasste Erhard Korn zu dessen 100. Todestag am 14. November 2017  .

Zum 100. Todestag des Stuttgarter Sozialisten Fritz Westmeyer

Vor 100 Jahren starb Friedrich Westmeyer, eine bedeutende Führungspersönlichkeit der Stuttgarter Linken. Der Landtagsabgeordnete und Stadtrat war im August 1917 wie viele andere Kriegsgegner aus dem Kreis der oppositionellen Sozialisten um Liebknecht, Luxemburg und Zetkin zur Wehrmacht eingezogen worden, um die Antikriegsbewegung kopflos zu machen.

In seinem letzten Brief schrieb er:
„Angesichts des ungeheuren Jammers, den dieser Krieg über alle Völker gebracht hat, erfüllt es mich immer wieder mit schmerzlicher Genugtuung, dass wir in Stuttgart uns Hand und Gewissen rein gehalten haben von dem vergossenen Blut. Aber Schande den Burschen, die alles verleugneten, was sie 40 Jahre lang als ihre ‚Überzeugung´ dem Volk gepredigt.“

Der Gewerkschafter aus dem Verband der Holzarbeiter und begabte Journalist Westmeyer war 1905 nach Stuttgart gekommen, um als Redakteur in der Zeitung der Stuttgarter Arbeiterbewegung, der „Schwäbische Tagwacht“ zu schreiben. Deren Redakteur Wilhelm Keil entwickelte sich als Landesvorsitzender der SPD vom Vertreter der Linken zum Repräsentanten des königstreuen Flügels, Fritz Westmeyer als Vorsitzender des Stuttgarter Ortsvereins (ab 1906) dagegen zum Repräsentanten des radikalen Parteiflügels in Württemberg, der seinen Rückhalt in der Arbeiterschaft der aufstrebenden Industriestädte und besonders in Stuttgart hatte.

Hier war die Wohnungsnot eines der größten Probleme für die Arbeiterschaft. 1911 griff sie Westmeyer anlässlich des Gemeindewahlkampfs die in einer Broschüre „Wohnungselend in Stuttgart“ auf. Die Schrift entfaltete ihre Wirkung dadurch, dass dokumentarische Fotos des Wohnungselends die Anklagen belegten – für die damalige Zeit, in der Zeitungen nur aus Text bestanden, eine revolutionäre Ausnutzung neuer Medien. Die Fotos wurden zudem eingesetzt bei Lichtbildvorträgen zur Mobilisierung. Gegen die „Terrainspekulanten“ verweis Westmeyer darauf, dass der Boden „Erbschaft des ganzen Menschengeschlechts sei“. Die Gemeinden verwies er auf ihre Pflichten zum Wohnungsbau.

Im Zentrum seiner Tätigkeit standen die Stärkung der Parteistrukturen, der Aufbau eines Vertrauensleutesystems in Betrieben und Stadtteilen und die politische Bildung. Er bezog Frauen (die noch kein Wahlrecht hatten) und junge Leute (denen politische Betätigung verboten war) aktiv ein. Westmeyer förderte die Gründung von Waldheimen nicht nur als Erholungsorte der Arbeiterschaft, sondern auch als kulturelle Zentren, in denen sich Arbeiterklasse bilden kann. 1908 entstand das Waldheim Heslach, 1909 initiierte er die Gründung des Vereins Waldheim Stuttgart und des Waldheimes Sillenbuch (heute Clara Zetkin Haus) mit Unterstützung von Friedrich und Clara Zundel in der Nähe von deren Wohnhaus, 1910 unterstützte der den Bau des Waldheims Gaisburg.

Westmeyer setzte als Anhänger Rosa Luxemburgs nicht nur auf parlamentarische Absprachen: linke Ziele waren für ihn nur durchsetzbar durch die Mobilisierung der Arbeiterschaft. Er wirkte als Organisator des großen Bosch-Streiks von 1913, der dazu führte, dass Bosch die Unterstützung der SPD einstellte.

Die sozialdemokratische Stadtratsfraktion allerdings war nicht bereit, der radikaleren Partei mehr Einfluss zuzubilligen und verhinderte 1910 durch Tricks Westmeyers Wahl in den Stuttgarter Gemeinderat. Erst 1915 rückte er nach. Zu massiven Auseinandersetzungen, in die sich sogar Bebel und Luxemburg einmischten, kam es 1911, als sich der sozialdemokratische Oberbürgermeisterkandidat Lindemann weigerte, für den Fall seiner Wahl die Parteibeschlüsse zu beachten. Im Kern ging es dabei um die Frage, ob und unter welchen Bedingungen Sozialisten politische Verantwortung in einem monarchistisch-bürgerlichen Staat übernehmen und wie weit sie sich anpassen dürfen.

Die Auseinandersetzungen zwischen rechtem Landesvorstand und linkem Stadtverband kumulierten im „Tagwacht-Streit“ um die Linie der Parteizeitung „Schwäbische Tagwacht“, die damals immerhin über 22.500 Abonnenten hatte. Westmeyer musste wie Keil die Redaktion verlassen, doch schon 1914 zeigte sich, dass die verbliebenen und neuen Redakteure wie Walcher, Hoernle und Rück den linken Kurs der Zeitung auch ohne Westmeyer fortgesetzt hatten. Der Landesvorstand der SPD dagegen schwenkte sofort nach Kriegsbeginn auf die Linie Hurrapatriotismus ein, während die Redaktion einen kriegskritischen Kurs beibehielt. Am 5.11. wurden die linken Redakteure satzungswidrig gekündigt und ausgesperrt. Der Stuttgarter Ortsverein um Westmeyer -von 1012-1917 war er Vertreter Stuttgarts im Landtag- nahm das nicht hin, lud sogar Karl Liebknecht ein, der später berichtete, dass er hier in Stuttgart erstmals als nicht konsequent genug kritisiert worden war, da er bei der ersten Abstimmung im Reichstag den Kriegskrediten zugestimmt hatte. Vor allem die marxistisch geschulten jungen Industriearbeiter wie Jakob Walcher und Fritz Rück hielten in Stuttgart an den linken Grundsätzen fest, unterstützt von Intellektuellen wie August Thalheimer, Hermann Duncker, Arthur Crispien und vor allem Clara Zetkin. Sie bildeten einen der Kerne des Spartakusbunds.

Die Landtagsfraktion spaltete sich 1915, faktisch auch die SPD in Württemberg, und nahm so eine Entwicklung vorweg, die auf Reichsebene erst 1917 mit der Gründung der USPD erfolgte. Ab Januar 1915 gab die „Westmeyer-Partei“ auch eine eigene Zeitung heraus. „Der Sozialdemokrat“ wurde bald zu einem wichtigen Mitteilungs- und Diskussionsorgan der sich neu sammelnden Linken, vor allem nach der Oktoberrevolution 1917 in Russland, die überwiegend begrüßt wurde. Westmeyer nutzte die Landtagssitzungen zur Kritik an der deutschen Eroberungspolitik und unterstützte die Vernetzung der linken Kriegsgegner. Er wurde 1915 von der SPD gekündigt und musste sich mit einem kleinen Tabakladen in der Marienstraße ernähren, der zum politischen Treffpunkt wurde.

Fritz Westmeyer wurde bespitzelt, vielfach politisch verfolgt und schließlich im Februar 1917 in den Krieg geschickt. Während er im Schützengraben den Kopf hinhielt und bald an Ruhr erkrankte, feierte sein innerparteilicher Gegner Wilhelm Keil Sektgelage mit der Generalität. Westmeyer starb mit 44 Jahren am 14.November 1917 in einem Feldlazarett bei Reims.

Rosa Luxemburg schrieb nach seinem unerwarteten Tod: „Westmeyer ist ein großer Verlust. Ich dachte immer, er würde noch in großen Zeiten eine Rolle spielen.“

14.11.2017, Erhard Korn